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Sonntag, den 24. Januar 2010 um 11:52 Uhr

Deutscher Bundesverband
für Steuer-, Finanz- und Sozialpolitik e.V.


Unseren täglichen Tratsch gib uns heute

15.09.2005

Klatsch und Tratsch - ob beim Kaffeekränzchen oder beim Stammtisch, im heimlichen Zwiegespräch oder in klandestiner Runde - gehör(t)en wohl schon immer als "Begleitmusik" zum soziologischen Miteinander des Menschen. Und spätestens seit dem Aufbruch der unheilvollen Lehre der 'Frankfurter Schule' gilt als Erkenntnis der Soziologie, daß man diese Form menschlicher Kommunikation nicht nur als integralen Bestandteil faktisch jeder Sozialität zu sehen habe, sondern man versucht, dem Klatsch sogar eine positive sozio-hygienische Wirkung zuzuschreiben; Tratsch und Klatsch förderten, so die zunehmend vertretene Meinung, das Gemeinschaftsgefühl; es stärke die persönlichen Bindungen. Im folgenden soll nicht nur diese These kritisch beleuchtet, sondern darüber hinaus auch noch auf die Gefahren hingewiesen werden, denen sich Tratscher wie Betratschte regelmäßig aussetzen. Dies gilt umso mehr, wenn es an die Bruchlinie vom Tratsch/Klatsch zu Gerüchten geht.

Wer tratscht, verfolgt damit regelmäßig das Ziel, sich wichtig zu machen und seine Bedeutung für den/die Zuhörer zu erhöhen; immerhin weiß er Neuigkeiten, über die andere noch nicht verfügen. Daß dabei oftmals nicht Selbst-Erfahrenes wiedergegeben, sondern vielmehr auch nur Gehörtes kolportiert wird, ist jedem bekannt, der bereits aktiv oder passiv mit Tratsch zu tun hatte - mithin wohl jeder von uns. Je nach Einstellung zum entsprechenden Thema und den Personen, denen der Tratsch gilt, wird der Inhalt des Tratsches noch weitergehend ausgeschmückt, ergänzt und ausgeweitet - nach dem Prinzip der "stillen Post", das wir alle noch aus der Kindheit kennen. Jedes Sensatiönchen schafft einen Zuhörerkreis, der die eigene Bedeutsamkeit potentiell steigert.

Bemerkenswert hierbei ist, daß sich umso mehr diejenigen als Tratscher betätigen, je unterprivilegierter, gesellschaftlich vernachlässigter sie sich empfinden. Wir alle kennen nämlich auch Menschen, die es ob ihres Selbstwertgefühls, ihrer nachweisbaren Erfolge und authentischer Souveränität schlicht nicht nötig haben, zu tratschen. Diese Personen schätzen wir als besonders zuverlässig und vertrauenswürdig, verschwiegen und integer ein.

Tratsch mag - zumindest kurzfristig - das Zusammengehörigkeitsgefühl stärken, mitunter sogar die Kameradschaft und (oberflächliche) Freundschaften begründen oder festigen. Dazu ist aber Voraussetzung, daß sich die per Tratsch Verbundenen immer wieder gegenseitig mit "neuen Informationen" versorgen - so inhaltsleer und bedeutungsschwach diese auch sein mögen. Auf den ökonomischen Vorteil, den Profi-Tratscher regelmäßig Cafés, Restaurants und Theken, aber auch entsprechenden Zeitschriften und Magazinen bescheren, möchte ich hier nicht weiter eingehen.

Abgesehen davon, daß viele Menschen unglaublich viel Zeit auf das Sammeln und Verbreiten neuer Klatschinhalte verschwenden - Zeit, die ihnen regelmäßig an anderer Stelle fehlt! -, birgt der Tratsch jedoch auch einen höchst gefährlichen politischen Sprengsatz in sich, was in der 'wohlmeinenden' soziologischen Wertung des Klatsches geflissentlich übersehen wird: Solange der Empfänger von Tratschinhalten mit dem Tratschopfer nicht in persönlicher Beziehung steht, bleibt der Klatsch insoweit bedeutungslos, als beide daraus weder einen Nachteil haben, noch - soziologisch betrachtet - ihnen ein Vorteil entgeht. Schwierig wird es allerdings, wenn der Klatsch tiefergehende Wirkungen hat, Beziehungen untergraben, Vertrauen zerstört und Intimitäten verletzt werden. Hierin liegt auch der Unterschied in den Motiven derer, die sich des Klatsches bedienen, um ihrerseits einen Zuwachs an Bedeutung, "Ansehen" und "Wert" für ihr Umfeld aufzubauen suchen. Dient der Klatsch schierer Sensationslüsternheit oder sollen damit eigene Fehler bemäntelt oder zumindest abgeschwächt - und damit verzeihbarer und akzeptabler werden? Fast fließend ist oftmals der Übergang vom Klatsch zum Gerücht. Gerüchte unterscheiden sich vom Klatsch nämlich vor allem in der Qualität ihrer Inhalte. Gleichzeitig zielen Gerüchte auch regelmäßig darauf ab, den davon Betroffenen in den Augen anderer herabzuwürdigen, zu desavouieren und - wenn möglich - zu entfremden und auszugrenzen. Gerüchte - als überhöhte Form des Klatsches - verfolgen also regelmäßig ein destruktives Ziel; ja, sie dienen sehr häufig geradezu dem Zweck, bestehende Verbindungen zu unterminieren, zu zerstören, zumindest aber erheblich in Frage zu stellen - in der Hoffnung und mit der Aussicht für den Tratschenden, eigene Vorteile daraus zu gewinnen und sich als der vermeintlich Schwächere Kombattanten zu sichern, die man dazu einspannen kann, den eigenen Standpunkt, die eigene Sichtweise zu übernehmen und dann nach außen mitzutragen. Gerüchte streuen also regelmäßig Menschen, die sich verletzt, in ihren Rechten eingeschränkt, ungerecht behandelt oder verraten fühlen, denen aber gleichzeitig der Mut fehlt, sich den beteiligten Personen bzw. den zugrunde liegenden Problemen zu stellen und diese auch selbständig zu lösen.

Wer sich vor Klatsch, Tratsch oder gar Gerüchten schützen möchte, tut gut daran, genau aufzupassen, inwieweit der 'Informant' wirklich um Hilfe, Verständnis und Rat nachsucht, oder ob es diesem darum geht, den Empfänger zu instrumentalisieren.

Eben weil die Trennlinie zwischen Klatsch/Tratsch und Gerüchten so dünn ist, sollte der 'heimlich Informierte' sich der - subjektiv wie objektiv - in Klatsch und Gerüchten lauernden Gefahren höchst bewußt werden. Tratsch und Gerüchte bergen nämlich die Gefahr in sich, auch Geist und Seele des Informationsempfängers zu beeinträchtigen oder sogar erheblich zu ramponieren. Nicht selten führt ein Häufig-Beklatscht-Werden bei entsprechend labilen Personen zu körperlichen oder seelischen Krämpfen und Irritationen bis hin zu Mutlosigkeit und Verzweiflung, Resignation und Apathie. Dies kann sogar letztlich in der Überzeugung münden, daß die Welt ohnehin schlecht und ein eigenes Engagement völlig sinn- und zwecklos ist. Nicht selten verzweifeln dann derart häufig und massig mit Klatsch und Gerüchten überzogene Menschen völlig am Leben und dessen freudvoller Gestaltung.

Wie wehrt man sich nun gegen Klatsch, Tratsch und Gerüchte?

Einfachen Klatschinhalten - etwa den Inhalten Tausender von Zeitungen, Zeitschriften und Magazinen, die davon wundervoll leben - begegnet man am besten damit, daß man den "Informanten" einige Male unmißverständlich zu verstehen gibt, daß man an derart Unwichtigem keinerlei Interesse hat. Über kurz oder lang wird man dann aus dem Kreis derer, die man erfolgversprechend mit Klatsch füttern kann, ausgeschlossen. Man gewinnt damit erheblich Zeit, um sich den wirklich wichtigen Dingen im Leben zu widmen. Klatsch-resistente Menschen wird auch nicht stören, daß sie dann in bestimmten Cliquen als Außenseiter gelten und zu bestimmten Parties und Festen auch nicht mehr hinzugebeten werden.

Tratsch, also die Weitergabe von Indiskretionen, bei dem sich Informations-empfänger und Opfer mitunter sogar persönlich kennen, entgeht man am besten, indem man den Tratscher frägt: "Hast Du etwas dagegen, wenn ich mir auch seine/ihre (= des/der Betroffenen) Seite anhöre?" Nichts fürchtet der Tratscher nämlich mehr, als daß er als "Tratscher" bloßgestellt wird.

Schon erheblicher stellt sich die Problematik bei Gerüchten. Oftmals ist nicht sofort erkenntlich, ob der Informant ein Gerücht streuen oder sich Hilfe und Rat in einer für ihn schwierigen Situation holen möchte. Handelt es sich um ersteres, muß man vielleicht in massiverer Form darauf hinweisen, daß man sich nicht für Gerüchte einspannen und als Rezipient von Gerüchten instrumentalisieren lassen möchte. Im zweiteren Fall obliegt es der Entscheidung des Informationsempfängers, ob er Hilfe leisten kann/will, bzw. als Ratgeber zur Verfügung stehen möchte.

Um nun herauszufiltern, ob es sich um ein entsprechendes Gerücht handelt und wie die Absichten des Informanten zu werten sind, genügt es, sich folgende Fragen zu stellen: 'Wer kommt mit welcher Information auf mich zu?' 'Was sind die Motive desjenigen, der mich auf eine Problematik anspricht?' 'Warum spricht er gerade mich darauf an?' Und letztlich sollte sich der Empfänger fragen: 'Kann ich den entsprechenden Inhalt überhaupt beurteilen, sauber ordnen und dazu entsprechend Stellung nehmen?'

Wer um Rat gefragt wird, fühlt sich grundsätzlich erst einmal geehrt und in seinem Ego positiv bestärkt und aufgewertet. Doch Vorsicht: Hier stellt uns oftmals und gerne die eigene Eitelkeit ein Bein, was dazu führt, daß wir uns vielleicht leichtfertig ein Urteil anmaßen, für das uns eigentlich noch der notwendige Hintergrund, das Wissen um die Zusammenhänge, vor allem aber die Sichtweise der anderen Seite fehlt. Insofern sollte man sehr vorsichtig sein, wenn es darum geht, Stellung zu einem Sachverhalt zu nehmen, dessen inhaltliche Komplexität man noch nicht ausreichend übersehen kann. Hier hilft mitunter überraschend schnell, wenn man dem "um Rat fragenden" Informanten zuallererst anbietet, zusätzliche Informationen einzuholen und eventuell involvierte Personen auch erst einmal anzuhören, also die andere Seite kennenzulernen (Audiatur et altera pars - ein Grundsatz des römischen Rechts!). Versucht dies der Informationsgeber nämlich zu unterbinden ("Das muß aber unter uns bleiben") oder spürt man beim Gegenüber eine Befremdlichkeit diesem Vorschlag gegenüber, mitunter sogar die Angst, daß dieses Gespräch dem Betroffenen hinterbracht werden könnte, so darf man ziemlich sicher davon ausgehen, daß man selber nur die halbe Wahrheit erfahren hat und in der Gefahr steht, Opfer eines Gerüchtes zu werden.

Der größte Fehler, den ein von einem Gerücht Betroffener machen kann, ist der, weitere Personen mit diesem Gerücht zu füttern, dessen Inhalte einem ja als 'Informationen' überbracht wurden. Damit macht man sich zum perfekten "Informations"träger für Gerüchte. Dies kann dazu führen, daß ein Gerücht epidemische Ausmaße annimmt und von Person zu Person ausgeschmückter und "ergänzter" umläuft, wobei die tatsächlichen Realitäten und der Kern des Problems immer mehr in den Hintergrund geraten, bisweilen sogar gänzlich auf der Strecke bleiben.

"Ideale" Gerüchteköche und (ebenso) "perfekte" Gerüchteträger sind regelmäßig diejenigen Menschen, die zum einen über ein geringes Selbstwertgefühl verfügen, zum anderen aber - daraus resultierend - oftmals sehr ideologische, mitunter sogar regelrecht fanatische Überzeugungen vertreten. In dieser Gruppe von Menschen finden wir beispielsweise die fundamentalistischen Vertreter von weltlichen oder religiösen Ideologien - z.B. islamische Fundamentalisten, uneingeschränkt etatistisch gepolte Politiker, unerschütterliche Kommunisten, Gerechtigkeitsfanatiker und Ideologen sonstiger Art, die sich durch kein Argument in ihrer Überzeugung erschüttern lassen. Sie sind - denken Sie an religiöse Terroristen - sogar bereit, für ihre Überzeugung alles zu opfern und ultimativ in den Tod zu gehen. Sie kennen dann überhaupt keine Grenzen mehr, nehmen auf Freund und Feind keine Rücksicht mehr und mutieren zu gefährlichen Zeitbomben auf zwei Beinen.

Stellen Sie sich als Empfänger von Klatsch, Tratsch oder Gerüchten jedoch die oben genannten Fragen, hüten Sie sich selbst einerseits davor, Opfer einer Gerüchtekampagne zu werden. Zum anderen sind Sie aber auch viel eher und besser in der Lage, dem Gerüchtekoch/Informationsgeber dabei zu helfen, aus seinem eigenen 'DenkFühl'-Gefängnis herauszufinden, die Probleme inhaltlich zu sortieren und eine möglichst schadstoffreie Lösung zu erarbeiten.

Nur in den seltensten Fällen wird geklatscht und getratscht, bzw. werden Gerüchte gestreut, um damit bewußt anderen zu schaden. Bei Klatsch und Tratsch sind sich die Informanten zumeist gar nicht klar darüber, wie wenig sinnstiftend ihr "Wissen" und dessen Weitergabe eigentlich ist. Ihnen fehlt es zumeist an sinnträchtigen eigenen Zielen - dann hätten sie nämlich zumeist gar nicht die Zeit, sich mit dem Sammeln und der Weitergabe von Klatschinhalten zu beschäftigen. Und auch bei Gerüchten steht in den seltensten Fällen ein maliziöser Geist und pure Menschenfeindlichkeit dahinter. Gerüchte haben ihren Ursprung zu allermeist in verletzten Seelen und einem hilflosen Geist, entsprechen also einer Art Notwehrsituation des Betroffenen. Wer nun Gerüchte ungeprüft annimmt, übernimmt und weiterträgt, macht sich damit nicht nur fahrlässig und unbedacht zum Büttel einer Kampagne mit ungewissen und potentiell destruktiven Auswirkungen, er kommt vielmehr auch dem eigentlichen Wunsch des Informanten nicht nach, ihm aus einer mißlichen Lage herauszuhelfen, ihm Rat und Hilfe zu geben, die er dringend benötigt.

Beim Streuen von Gerüchten handelt es sich psychologisch betrachtet um ein 'Psychospiel', in dem sich der Informant z.B. als Opfer darstellt, in Wirklichkeit aber Verfolger ist. Er kaschiert dies aber (unter Umständen sogar völlig unbewußt) so hervorragend, daß man erst mithilfe der o.g. Fragen überhaupt dahinter blickt. In seiner Not versucht er den bisher im "Haus der fairen Kommunikation" Stehenden für seine Zwecke einzuspannen, ihn quasi zum Rächer für die eigene Problematik zu instrumentalisieren. Wer dieses 'Psychospiel' nun nicht durchschaut, wird damit sehr schnell selbst zum Opfer der Situation und - je nach eigener charakterlicher Stabilität - seinerseits zum Verfolger gegenüber Dritten.

Läuft sich - irgendwann und durch welche Umstände auch immer - das Psychospiel tot (notfalls vor Gericht), wird oftmals den in diese geistig-seelische Karambolage verwickelten Personen erst klar, welchen - oftmals irreparablen - Schaden sie eigentlich angerichtet haben.
In einigen Fällen sind diese Schäden tatsächlich weder gutzumachen, noch die Probleme in vollem Umfang aufklärbar. Dann bleibt bei allen Beteiligten ein entsprechendes Trauma im Kopf wie auch in der Seele hängen. Insofern sollte sich spätestens dann, wenn sich der Rauch etwas verzogen und die Einsicht in die Zusammenhänge wieder die Oberhand gewonnen hat, jeder darum bemühen, die Hintergründe aufzuklären, die ursächlich für die Streuung des Gerüchtes und die sich daraus entwickelnde Kette von Fehlinformationen aller Art ausschlaggebend waren. Eine derartige Schadensbegrenzung kostet Mut und Zeit, vor allem aber die Bereitschaft der dabei involvierten Personen. Zum anderen aber sollte daraus gelernt werden. Jeder - der Initiator eines Gerüchtes, aber auch diejenigen, die sich zum Büttel und Werkzeug eines Gerüchtes machen ließen - sollte seine Lehren daraus ziehen, vor allem aber verstehen, wie es zu diesem Gerücht und den Folgen seiner Verbreitung überhaupt kommen konnte.

So harmlos Klatsch mitunter sein mag, so brutal kann die besondere Form des Klatsches, das Gerücht, wirken. Gerüchte bewirken also genau das Gegenteil dessen, was die 'benevolente Soziologie' heute dem Klatsch oder sogar dem Tratsch zuschreibt. Verhindern wir die Entstehung von Gerüchten, so legen wir damit gleichzeitig die Basis dafür, daß Fundamentalismen uns im Denken und Fühlen erheblich beeinträchtigen und ihre regelmäßig zerstörerische Wirkung entfalten.


H.-W. Graf








Zuletzt aktualisiert am Montag, den 15. März 2010 um 14:05 Uhr
 

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