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Dienstag, den 16. Februar 2010 um 11:51 Uhr |
Erste Bilder von der Verleihung und Rede des Thüringer Ministers für Soziales, Familie und Gesundheit Dr. Klaus Zeh

Alle Ordensinsigien der Ausgezeichneten

Die am 21.09.2004 Geehrten mit Minister Dr. Zeh

Verdienstorden am Bande des Bundesverdienst- kreuzes der Bundesrepublik Deutschland

Landesbehindertenbeauftragter Dr. Paul Brockhausen & Jürgen Prüfer

Vater und Sohn

Factus 2 gratuliert!
Rede
des Thüringer Ministers für Soziales, Familie und Gesundheit
Dr. Klaus Zeh
anlässlich der Überreichung des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland an
Lina Hoffmann, Ruth Piehler und Jürgen Prüfer
am Dienstag, 21. September 2004 um 16.30 Uhr
in Erfurt, Thüringer Staatskanzlei, Barocksaal
Sperrfrist: Beginn der Rede! Es gilt das gesprochene Wort!
Sehr geehrte Frau Hoffmann, sehr geehrte Frau Piehler, sehr geehrter Herr Prüfer, meine sehr verehrten Damen und Herren,
herzlich willkommen in der Thüringer Staatskanzlei! Es ist mir eine besondere Freude, heute im Auftrag des Bundespräsidenten an drei Thüringer Bürgerinnen und Bürger den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland verleihen zu können.
Ein ganz besonderer Zufall will es, dass einer der zu Beleihenden, Herr Prüfer, heute seinen 50. Geburtstag feiert. Ich kann mir denken, dass dies eine der größten Geburtstagsfeiern ist, die Sie bisher hatten! Schon an dieser Stelle herzlichen Glückwunsch!
Für einen Thüringer Minister ist es natürlich ganz besonders schön, eine solch hohe Auszeichnung wie den Bundesverdienstorden an Bürgerinnen und Bürger unseres Landes übergeben zu können.
Zweierlei Verdienst
Ich merke bei solchen Anlässen, dass in unserem Freistaat eine ausgeprägte Kultur des Helfens und des ehrenamtlichen Engagements existiert.
In Thüringen gibt es schätzungsweise 600.000 bis 700.000 ehrenamtlich aktive Bürgerinnen und Bürger. Wahrscheinlich sind es eher mehr. Diese Zahl ist sehr ermutigend.
Meines Erachtens muss wieder stärker deutlich gemacht werden, dass nicht nur die bezahlte Erwerbsarbeit viel wert ist. Das ehrenamtliche Engagement, die unentgeltliche Arbeit zum Wohle der Mitbürger, ist mindestens genauso anerkennenswert.
Der Unterschied zwischen beidem kommt sehr gut in einem Wort zum Ausdruck, das am heutigen Tag eine besondere Rolle spielt. Es ist das Wort "Verdienst".
Sie alle wissen: "Der Verdienst" ist das, was ein Arbeitnehmer in Euro und Cent bekommt, was er "verdient". Dieser Verdienst ist nicht zu unterschätzen. Jeder ist auf ihn angewiesen. So mancher bräuchte mehr davon, gerade in diesen wirtschaftlich schwierigen Zeiten.
Dann gibt es aber auch noch "das Verdienst". Verwandt damit ist die Redewendung "sich um etwas verdient machen". Es handelt sich, so könnte man definieren, um eine besonders anerkennenswerte Leistung für das Gemeinwohl.
"Der Verdienst" und "das Verdienst" - sie sind miteinander verwandt, aber doch voneinander unterschieden. Einmal handelt es sich um etwas Materielles, im anderen Fall um etwas Ideelles. Um das Ideelle geht es uns heute: Es geht uns um besonders anerkennenswerte Leistungen für das Gemeinwohl.
Weg zur Verleihung
Solche Leistungen müssen Menschen erbracht haben, die als Kandidaten für den Bundesverdienstorden in Frage kommen. Aber der Weg zur Verleihung ist immer noch lang.
Zunächst einmal muss der oder die Betreffende natürlich vorgeschlagen werden. Bei Frau Hoffmann kam der Vorschlag von Herrn Peter Frebel, dem Bürgermeister von Floh-Seligenthal, bei Frau Piehler vom Senioren-Schutzbund "Graue Panther", vertreten durch Frau Dr. Gerda Frühauf und Frau Irmgard Claus. Herr Prüfer wurde von einem Privatmann, von Herrn Hans-Wolff Graf, vorgeschlagen.
Die Vorschläge gehen zunächst an die Thüringer Staatskanzlei. Ministerpräsident Dieter Althaus prüft die Vorschläge und unterbreitet sie dann dem Bundespräsidenten. Dieser fertigt schließlich die Urkunde aus.
Bundesverdienstorden
Und dann kommt der Tag, an dem die Ordenszeichen übergeben werden. Es ist ein ganz besonderer Tag, der ganz bewusst im festlichen Rahmen des Barocksaals der Thüringer Staatskanzlei stattfindet.
Der Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland wurde von Bundespräsident Theodor Heuss im Jahre 1951 gestiftet. Er ist die höchste Anerkennung, die die Bundesrepublik Deutschland für Verdienste um das Gemeinwohl ausspricht.
Der Bundesverdienstorden wird verliehen für politische, wirtschaftlich-soziale und geistige Leistungen sowie für alle besonderen Verdienste um die Bundesrepublik Deutschland, z.B. auch aus dem sozialen, karitativen und mitmenschlichen Bereich.
Engagement und Anerkennung
Ein Gemeinwesen lebt von Menschen, die mehr tun als unbedingt erforderlich. Es gilt, Menschen dafür zu begeistern, sich für andere einzusetzen und sich am öffentlichen Leben zu beteiligen. Denn Anstöße zu Verbesserungen müssen aus der Gesellschaft selbst kommen, wenn ein Gemeinwesen nicht versteinern soll.
Wo besonderes Engagement gefragt ist, gehört auch eine Würdigung besonderer Leistungen dazu. Zur Kultur des Helfens gehört eine Kultur der Anerkennung.
Der deutsche Dichter Karl Leberecht Immermann (1796-1840) hat geschrieben: "Anerkennung braucht jedermann. Alle Eigenschaften können durch totale Gleichgültigkeit der Umgebung zugrunde gerichtet werden."
Anders ausgedrückt: Anerkennung ist lebenswichtig. Sie ist ein Teil der Luft, die wir atmen. Denn wir sind Wesen, die auf den Mitmenschen hin geschaffen sind.
Schon immer haben Staaten besonders verdiente Mitbürger ausgezeichnet. Damit sollte diesen Menschen gedankt werden. Das ist sehr wichtig. Manchmal sollten damit auch Anreize geschaffen werden. Das ist problematisch.
In der früheren DDR gab es zahllose Auszeichnungen. Es gab geradezu eine Inflation von Medaillen und Ehrentiteln. Sie wurden eingeführt, weil man den Menschen oft keine angemessene materielle Gegenleistung für ihre Arbeit bieten konnte. Das ging schief.
Orden und Ehrenzeichen sind keine Ersatzleistungen für "den Verdienst". Sie sind Zeichen des Dankes und der Anerkennung für "das Verdienst".
Würdigung von Lina Hoffmann
Welche Verdienste sich die heute Auszuzeichnenden erworben haben, wird deutlich werden, wenn ich nun die Gründe für die Ordensverleihung nenne. Ich möchte bei Frau Hoffmann beginnen.
Lina Hoffmann hat mehr als 60 Jahre ihres Lebens in den Dienst ihrer Mitmenschen gestellt. Sie wuchs in einer großen Familie auf - 14 Geschwister waren es insgesamt. Ein jüngerer Bruder war geistig behindert. Als er gerade einmal drei Jahre alt war, starb die Mutter.
In dieser Situation musste Sie, verehrte Frau Hoffmann, als noch nicht einmal Zwanzigjährige Verantwortung übernehmen. Sie versorgten und verpflegten die Familie. Sie wurden zur Ersatz-Mutter. Eine schwere Aufgabe für eine junge Frau. Persönliche Bedürfnisse mussten in vielerlei Hinsicht zurückstehen.
Frau Hoffmann hat, trotz ihres hohen Alters, ihren Bruder Horst bis zu seinem Tod im Oktober 2003 gepflegt. In dem Maße, in dem ihr Bruder älter wurde und sich sein Gesundheitszustand verschlechterte, vergrößerte sich der Pflegeaufwand. Seit 1997 ihr Ehemann starb, lag noch mehr Arbeit auf ihren Schultern.
Dennoch hat Frau Hoffmann sich dieser Aufgabe immer mit voller Hingabe und vorbildlichem Pflichtbewusstsein gewidmet. Sie hat persönliche Interessen stets in den Hintergrund gestellt und ihr Lebensziel darin gesehen, dem behinderten Bruder das Leben lebenswert zu gestalten.
Dass die Familie diejenige Gruppe ist, die auch in schwierigsten Situationen Halt geben und Fürsorge gewährleisten kann, wird am Lebensweg von Frau Hoffmann deutlich. Die Solidarität zwischen den Generationen und der Zusammenhalt zwischen Geschwistern - beides hat hier seinen Ort.
Keine staatliche Institution kann die Familie ersetzen. Der französische Philosoph Jean-Jacques Rousseau hat gesagt: "Die Familie ist die älteste aller Gemeinschaften, und die einzige natürliche."
Auch in Thüringen sind wir uns dessen bewusst und treten für die Stärkung der Familien ein. Gerade vor diesem Hintergrund bin ich glücklich über Beispiele vorbildlicher Bewährung des familiären Zusammenhalts.
Sie, verehrte Frau Hoffmann, haben Ihr Leben uneigennützig in den Dienst Ihrer Nächsten gestellt. Dafür gebührt Ihnen hohe Anerkennung. Ihre Arbeit geschah überwiegend im Verborgenen. Am heutigen Tag steht sie im Licht.
Würdigung von Ruth Piehler
Im Licht stehen heute auch die Leistungen von Frau Piehler. Sie hat bereits in der Vergangenheit große öffentliche Anerkennung für Ihre Arbeit erfahren. Ich nenne nur die Einladung zum Empfang des Ministerpräsidenten für verdiente Bürger 1995, die Auszeichnung mit dem "Silbernen Simson" durch den Oberbürgermeister von Gera 1997 und die Verleihung des Altenhilfepreises 2002.
Die Altenhilfe ist das große Anliegen von Frau Piehler. Seit der Wiedervereinigung setzt sie sich unermüdlich für die Belange älterer Mitbürger ein. 1991 gründete sie den Verein Senioren-Schutz-Bund "Graue Panther" Gera-Thüringen und amtiert seit 1997 als dessen Vorstandsvorsitzende. Sie ist im Seniorenbeirat aktiv und wirkt als Landesbeauftragte der "Grauen Panther".
Diese Aktivitäten und Ämter haben alle eines gemeinsam: die Vertretung der Interessen der Senioren und die praktische Hilfe für sie.
In den Bereich der praktischen Hilfe fällt ein weiteres Arbeitsgebiet von Frau Piehler: die Lebenshäuser. 1998 öffnete unter ihrer Regie das erste Lebenshaus in Thüringen seine Pforten, 2002 das zweite.
Die Lebenshäuser bieten Wohnungen für überwiegend ältere und behinderte Menschen. Die Bewohner führen dort ein selbstbestimmtes und eigenständiges Leben, frei von Bevormundung oder Zwang. Bei Bedarf ist die Vollversorgung rund um die Uhr und auch die Begleitung bis zum Lebensende gewährleistet.
Viel ehrenamtliches Engagement und ein gut durchdachtes Konzept halten die Kosten niedrig und machen den Aufenthalt für alle erschwinglich. Gleichzeitig sind die Häuser kulturelle Treffpunkte für die Vereinsmitglieder.
Besonders hervorheben möchte ich, dass an den beiden Lebenshäuser insgesamt zehn neue Arbeitsplätze entstanden sind. Das zeigt, dass die Seniorenhilfe auch eine wichtiger Wirtschafts- und Beschäftigungsfaktor ist.
Frau Piehlers Aktivitäten finden große Resonanz und Unterstützung. Sie wecken Sympathie für die Anliegen der Senioren. Frau Piehler, inzwischen selbst über 80 Jahre alt, arbeitet täglich sechs und mehr Stunden ehrenamtlich. Inzwischen ist sie über die Grenzen Thüringens hinaus Ansprechpartnerin für ältere Menschen.
Sie, sehr geehrte Frau Piehler, haben im Bereich der Seniorenarbeit Dinge geschaffen, die es ohne Ihr Engagement so nicht gäbe. Sie sind der beste Beweis dafür, dass Senioren ein Aktivposten unserer Gesellschaft sind. Haben Sie herzlichen Dank für Ihren Einsatz!
Würdigung von Jürgen Prüfer
Hat sich Frau Piehler für ältere Menschen engagiert, so hat das Geburtstagskind des heutigen Tages, Herr Jürgen Prüfer, sehr viel für behinderte Kinder und Jugendliche getan.
Seit 1989 ist er in diesem Bereich ehrenamtlich tätig. Und das trotz schwerster gesundheitlicher Beeinträchtigungen und Beschwerden.
Beharrlich und konsequent vertritt Herr Prüfer die Interessen der behinderten Menschen. So wirkte er aktiv an der Sanierung und Modernisierung der Schwimmhalle in Neuhaus mit.
In Sachen behindertengerechtes Bauen und Gestalten ist er ein kompetenter Ansprechpartner für Behörden und Bauherren. Er sucht das Gespräch mit den Beteiligten. Er gibt Hinweise zur Realisierung gesetzlicher Vorgaben und macht Vorschläge zur Verbesserung der Lebensbedingungen von behinderten Menschen. Seit 2001 ist Herr Prüfer als Behindertenbeauftragter des Landkreises Sonneberg tätig. In dieser Funktion wirkt er als Koordinator zwischen Kommunen, Behindertenorganisationen und freien Trägern der Wohlfahrtspflege. Er berät und informiert behinderte Menschen und deren Angehörige. Er arbeitet bei der Erstellung des Behindertenplanes des Landkreises mit, organisiert Fachberatungen und Seminare.
Die Vielfalt der Aufgaben erfordert hohen Einsatz. Herr Prüfer ist meist weit über die normale Arbeitszeit hinaus bei der Sache - trotz eigener Schwerbeschädigung. Darüber hinaus gründete er 1992 den Verein "Humanitas e.V." für lernbehinderte Kindern und Jugendliche, dessen Vorsitz er seitdem innehat. Als einziger Bürger des Landkreises Sonneberg arbeitet er am Thüringer Landesgleichstellungsgesetz mit. Dabei bringt er die Interessen der Menschen mit Behinderungen aus ganz Thüringen in die Gremien ein.
Die Integration von Menschen mit Behinderungen in die Gesellschaft ist eine Daueraufgabe. In Thüringen konnte auf diesem Gebiet seit der Wende viel erreicht werden. Aber weitere Fortschritte sind erforderlich und auch möglich.
Damit sie gelingen, brauchen wir engagierte Menschen wie Herrn Prüfer. Wir brauchen Menschen, die die Initiative ergreifen, Menschen, die sich zu Wort melden. Mittlerweile ist es allgemein bekannt, dass unsere behinderten Mitbürger nicht verwaltet werden wollen, sondern über ihre eigenen Belange möglichst eigenverantwortlich entscheiden wollen.
Menschen wie Sie, verehrter Herr Prüfer, sind unverzichtbar, um die Anliegen von Menschen mit Behinderungen immer wieder ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken. Ihre engagierte Arbeit hat eine Vielzahl ganz konkreter Verbesserungen bewirkt. Dafür gebühren Ihnen Dank und Anerkennung!
Verleihung
Sehr verehrte Frau Hoffmann, sehr verehrte Frau Piehler, sehr geehrter Herr Prüfer,
sie haben sich um ihre Mitmenschen und um das Gemeinwohl außerordentlich verdient gemacht. Jeder von Ihnen hat es auf seine eigene Weise getan, in seinem jeweiligen Bereich. Aber Sie alle haben gezeigt, wie viel Gutes aus einem Geist der Mitmenschlichkeit und des bürgerschaftlichen Engagements erwachsen kann.
Deshalb darf ich Ihnen jetzt im Namen des Herrn Bundespräsidenten die Insignien des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland überreichen .
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